ÜBER DIE FRÜHEN VIOLONCELLI

1) Was ist ein Barockcello?

2) Die Violoncelli und die Bassgamben

3) Kinneys Einteilung der frühen Violoncelli

4) Das Repertoire der frühen Violoncelli

5) Die Normierungen des Violoncellos und des Violoncellspiels

6) Abschließende Beobachtung: Das Symphonieorchester und die Ernste Musik

 

1) Was ist ein Barockcello?

Die Epoche dessen, was wir heute als ‘Barockcello’ bezeichnen, umfasst die späte Renaissance, die Barockzeit sowie die Vorklassik – also etwa die Zeit von 1540 bis 1770. Dieser Zeitraum entspricht der ersten Hälfte der Geschichte des Violoncellos. In dieser Zeit finden wir kein einheitliches Instrument namens ‘Violoncello’ vor, stattdessen eine schwer überschaubare Fülle an zum Teil sehr unterschiedlichen kleineren Bass-Instrumenten (‘Violoncelli’). Das heutige Barockcello jedoch folgt in der Regel den Normierungen des späten 18. Jahrhunderts und unterscheidet sich nur wenig von dem danach folgenden ‘Klassikcello’. Manchmal zählt man daher auch die Zeit der Wienerklassik bzw. des Klassikcellos hinzu, da sich diese Instrumente auch bezüglich Spielpraxis nur wenig von heutigen Barockcelli unterscheiden. So betrachtet, erstreckt sich die Epoche des Barockcellos bis 1830. Auch die dann folgende Zeit der Frühromantik und der frühen Hochromantik sind Gebiete, mit denen man sich in der Historischen Aufführungspraxis auseinandersetzt, weil auch diese Epochen sich in Bezug auf Spielpraxis und Instrumentarium vom heutigen modernen Spiel deutlich unterscheiden. In diesem Text ist jedoch, wenn über die Epoche der Barockcelli gesprochen wird, die Zeit vor 1770 gemeint.

Heute unterscheiden wir drei Kategorien von Barockcelli:

1) Originalinstrumente aus der Epoche des Barockcellos, die im Lauf der Zeit nie modernisiert worden sind. Zu dieser Kategorie gehören vor allem Museumsobjekte, da im Prinzip alle qualitativere Instrumente im 19. Jahrhundert modernisiert wurden.

2) Originalinstrumente aus der Epoche des Barockcellos, die zwar im 19. Jahrhundert modernisert bzw. umgebaut wurden, heute jedoch im Zuge der historischen Aufführungspraxis wieder mit mehr oder weniger Konsequenz zum Originalzustand restauriert worden sind.

3) Neugebaute Instrumente nach Vorbildern aus der Zeit des Barockcellos.

Die heutigen Barockcelli, ob es sich um Neubauten oder alte restaurierte Instrumente handelt, haben in der Regel den gleichen Hals, die gleiche Mensur und gleiche Größe wie ein modernes Cello und sind wie diese in der Regel mit vier Saiten bespannt. Sie können daher relativ leicht auch von moderne Cellisten gespielt werden. Jedoch gibt es einige entscheidende Unterschiede: Der barocke Stimmstock ist etwas dünner als der moderne, der Bassbalken ist kürzer, der Steg ist anders geformt und das Griffbrett aus einem leichteren Holz gebaut. Zusammen mit den unumsponnenen Darmsaiten verändert dies den ganzen Charakter des Instruments.

Die Gespanntspannung auf einem Streichinstrument steigt bei Stahlsaiten um fast das doppelte. Alte Instrumente wurden häufig mit extra Holzeinlagen verstärkt, um diesem Druck standzuhalten. Was man bei den Stahlsaiten an Kraft gewinnt, verliert man im Bezug auf Deutlichkeit und Textur. Da Barockmusik eine sprechende Musik ist, sind Stahlsaiten ungeeignet. Darmsaiten sind aber keinesfalls spezifisch für Barockinstrumente. Die Stahlsaiten kamen erst in den 1920ern, also wurde auch die Spätromantik und die Klassische Moderne auf Darmsaiten gespielt (1). Darüberhinaus wird ein Barockcello mit einem Barockbogen gespielt. (Auf die verschiedenen Bögen und Bogenhaltungen wird in diesem Text nicht näher eingegangen).

 

2) Die frühen Violoncelli und die Bassgamben  

Der Begriff Violoncello taucht erst Ende des 17. Jahrhunderts auf und setzt sich dann im Verlauf des 18. Jh. durch. Davor gab es viele verschiedene Bezeichnungen. Im 16. und frühen 17. Jahrhundert galt die Bezeichnung nicht dem Instrument, sondern der Stimmlage, und diese wurde durch die Körperhaltung beschrieben. Instrumente in den tieferen Stimmlagen wurden in Beinlage gespielt. Gamben bzw. ‘Beininstrumente’ waren also Bassgamben und Violoncelli. Instrumente in den höheren Stimmlagen wurden auf dem Arm (Braccio) gehalten. ‘Viola da braccio’, bzw. ‘Bratsche’, war daher die Bezeichnung für Diskantinstrumente. Im 17. Jahrhundert wandelten sich diese Begriffe, und ‘Gambe’ galt, im Gegensatz zu der eigentlichen Bedeutung des Wortes, für alle Instrumente, die der ‘Gambenfamilie’ zugehörig waren – egal ob auf dem Bein oder auf dem Arm gehalten. Instrumente der Violinfamilie wurden alle als Bratschen bezeichnet, ebenfalls unabhängig davon wie sie gehalten wurden oder in welcher Stimmlage sie klangen (2). Für das Violoncello finden wir daher Bezeichnungen wie, in Italien, Basso di Viola da braccio, oder bei Michael Praetorius: Tenor-Geig da braccio bzw. Bass-Geig da braccio.

Diese seltsame und auf den ersten Blick unlogische Verdrehung der Begriffe ‘Braccio’ und ‘Gambe’ ist nicht uninteressant; sie deutet auf eine Dominanz der Gambeninstrumente in den tiefen Registern und von den Violininstrumenten in den hohen Registern. Im Diskantregister hatten die Violinen, dank ihres runden und tragenden Klangs die Diskantgamben verdrängt. Im Bassregister waren diese Qualitäten zum Verhängnis geworden; der warme Klang des Violoncellos kann bei tiefen Tönen verschwommen werden, während Gamben dank ihres Obertonreichtums auch im Bassbereich deutlich in der Ansprache sind. Die Gambeninstrumente behielten im Bassbereich der Vormachtsstellung bis in das 18. Jahrhundert hinein – also etwa 200 Jahre lang, in Frankreich und England sogar noch länger. Während die Violinen in den hohen Registern ohne Konkurrenz blieben, wurden jedoch die Aufgaben der Bassgamben zunehmend auch von den verschiedenen Violoncelli ergänzt bzw. übernommen. Hinzu kamen verschiedene Mischformen zwischen Violoncelli und Bassgamben – der Kontrabass ist bis heute eine solche Mischform geblieben. In Regionen wie Nordfrankreich und den Niederlanden, wo die Gambe vorherrschend war, findet man fünf- und sechssaitige Violoncelli mit einer Mensur, die an die Bassgambe angeglichen war. Sie konnten ohne Schwierigkeiten von Gambisten traktiert werden. Es ist daher historisch legitim, Gambenmusik auf einem Barockcello zu spielen. Man findet auch Zentren, wo sich das Violoncello gegenüber der Bassgambe durchsetzte, wie Bologna im späten 17. Jh. mit den Cellisten an der Capella di San Petronio, oder auch Venedig im frühen 18. Jh., wo u.a. Vivaldi Musik für das Instrument schrieb. Sehr besonders war auch Johann Sebastian Bachs großes Interesse für das Instrument. Bei allen dreien – den Bolognesern, den Venezianern und bei Johann Sebastian Bach – wurden aber gleichzeitig verschiedene Violoncelli eingesetzt. Die verschiedenen Formen lassen sich grob kategorisieren in ein größeres Instrument, etwa das heutige Violoncello oder etwas größer, und ein etwas kleineres fünfsaitiges Instrument. Frühe Einteilungen der Streichinstrumente sahen häufig fünf Instrumente vor, anstatt wie heute vier. In Michael Praetorius’ Syntagma musicum (1619), wie auch in Bolognas Capella di San Petronio (um 1670) und in der allemanischen Schule findet man solche Einteilungen. Die große Spannbreite zwischen Bratsche und Kontrabass, die das Violoncello zu füllen hat, bräuchte, um allen Stimmlagen gerecht zu werden, zwei Instrumente. Bei der Einteilung in vier Instrumente (Violine –Viola – Cello –Kontrabass) fehlt es kurioserweise an einer Tenorstimme. Wo Einteilungen in fünf Instrumente gemacht wurden, entsprach der Tenorlage das kleinere, häufig fünfsaitige Violoncino.

 

3) Kinneys Einteilung der frühen Violoncelli 

1960 machte der Musikwissenschaftler David Kinney in seiner Abhandlung über das frühe Cellorepertoire eine Zusammenstellung, in der er die frühen Violoncelli in fünf Gruppen einteilte. Zu jeder Gruppe kamen verschiedene Untergruppierungen. Man muss dazu bemerken dass das größte Violoncello fast so groß wie ein kleinerer Kontrabass war und das kleinste fast so klein wie eine Bratsche. Die Einteilung in zwei Instrumente, ein größeres und ein kleineres, ist also eine radikale Vereinfachung. Aber es ist ein guter Kompromiss, zu dem heutige Barockcellisten häufig greifen. Beide Instrumente können sowohl als Bass- wie auch als Soloinstrumente eingesetzt werden. Auf Kinneys Liste entsprechen diese Instrumente einem Violoncello Normale in der Vollgröße und einem Violoncino. Kinney benutzt leicht verständliche Bezeichnungen, die auch später in diesem Text verwendet werden. Hier eine vereinfachte und leicht geänderte (kursiv) Darstellung von David Kinneys Liste:

Violoncello Grosso (Korpuslänge 81-86)

Verschiene Bezeichnungen: ‘Bass-Geig da Braccio’, ‘Gros Quint-Bass’ (Praetorius), ‘Basse de Violon’ (Mersenne), ‘Bassette’ (L. Mozart)

4-Saiten: B, F, c, g (Korpuslänge 81-83)

5-Saiten: F, C, G, d, a (Korpuslänge 84-86)

Violoncello Grande (Korpuslänge 76-80)

Diese Instrumente wurden von Quantz für Orchesterbegleitung bevorzugt. Stradivari’s Instrumente vor 1701 hatten diese Größe.

Stimmung B, F, c, g (Korpuslänge 78-80)

Stimmung C, G, d, g / C, G, d, a

Violoncello Normale (Korpuslänge 72-75.8)

‘Vollgröße’ (Korpuslänge 74-75.8) C, G, d, a (g)

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