Ludwig Frankmar (*1960) ist ein schwedisch-deutscher Barockcellist, aufgewachsen in einer Kirchenmusikerfamilie in Malmö. Er studierte dort bei Guido Vecchi und bei Thomas Demenga an der Musikhochschule Basel. Mehrere Jahre war er als Orchestermusiker tätig. Kontakte und die Zusammenarbeit mit Kirchenmusikern führten ihn später zur Alten Musik, wonach ein Barockmusikstudium an dem Sweelinckkonservatorium in Amsterdam folgte. Er konzentriert sich auf das frühe solistische Repertoire der kleinen Bassinstrumente aus der Zeit der späten Renaissance und des Barock, in der es zwischen Gamben und Violoncelli noch keine eindeutige Trennung gab. ‘Einstimmige Musik von Meistern der Mehrstimmigkeit’ ist eine von ihm im Jahre 2020 angefangene CD-Reihe. Sein Instrument ist ein fünfsaitiges Barockcello von Louis Guersan (Paris, 1756). Er lebt in Berlin und ist Mitglied des Ensembles der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde Berlin-Lankwitz. janaczekanowski.de/ensemble-der-dietrich-bonhoeffer-gemeinde

 

 

DAS BAROCKCELLO

Der Übergang von dem was wir als ‘Barockinstrumente’ auf ‘moderne Instrumente’ bezeichnen, bezieht sich nicht auf eine sukzessive Veränderung durch die Jahrhunderte, sondern auf spezifische Reformen um 1800, wo Instrumente aus älteren Vorlagen auf festgelegte Maße normiert wurden. Parallel dazu setzten sich Normierungen des Instrumentalspiels durch, das die Grundlage dafür bildete, dass im Jahr 1798 in Paris die erste Musikhochschule Europas gegründet werden konnte. Ohne diese Normierungen, die seither von den Musikhochschulen aufrecht erhalten worden sind, wäre der Riesenklangkörper des Symphonieorchesters nicht realisierbar gewesen. Zudem haben wir es den Normierungen als einmaligen Umstand zu verdanken, dass wir heute die gesamte Musik der vergangenen 250 Jahre im Prinzip auf dem gleichen Instrumentarium vortragen können.

Wie man sich in Bezug auf das Violoncello auf eine einheitliche Form und eine einheitliche Spielart einigte, kann in französischen Traktaten des späten 18. Jh. nachgelesen werden. Besonders an dieser Stimmlage war ihre Vielfalt an unterschiedlichen Vorläufern, die ihre Wurzeln nicht nur in der Violinfamilie sondern auch in der Gambenfamilie und häufig als Mischformen zwischen den beiden Familien hatten. Da die früheren Bezeichnungen nicht der Instrumentfamilienzugehörigkeit sondern der Stimmlage gegolten hatten, die wiederum durch die Körperposition beschrieben wurden, gehörten diese Instrumente zur Kategorie der ‘Beininstrumente’; Gamben. Das ‘Violoncello’ teilt sich daher sein frühes Repertoir mit denjenigen der ‘Bassgamben’ – wie auch umgekehrt. Es ist das gleiche Repertoir.

Merkmal dieses Repertoirs war, dass es in der Regel solistisch, ‘senza Basso’ vorgetragen wurde. Während man bis Mitte des 20. Jhs. Bachs Sammlung der Cellosuiten in dieser Hinsicht für ein Unikum hielt, wurden in den letzten Jahrzehnten immer wieder weitere solcher Werksammlungen entdeckt, die bis in die Renaissance zurückreichen: Venezianische Komponisten wie Silvestro Ganassi oder Giovanni Bassano hatten schon im 16. Jh. Sammlungen mit einstimmigen Ricercatesätzen zusammengestellt – eine Musikform, die von ihren Zeitgenossen wohl als ein ornamentierter Kirchengesang aufgefasst wurde. Solche Sätze wurden bis in das späte 17. Jh. komponiert, wobei im Barock ein Übergang vom schwebenden Puls der Gregorianik zu konkret ausgeschriebenen Sätzen in 3- und 4-Takt stattgefunden hatte; Tanzelemente wurden hinzugefügt, die später mit der Form des Satzes synoym wurden. Mit Marin Marais’ ersten Gambenbuch aus dem Jahre 1686 erlebte diese Tradition einen Bruch: Die erste Fassung ist in einer transparenten linearen Kontrapunktik geschrieben. Drei Jahre später, 1689, erschienen zusätzliche Basstimmen zu sämtlichen 96 Stücken des ersten Gambenbuchs. Über Sinn und Bedeutung dieser Basstimme wird bis heute gerätselt. Marais neue Schreibweise setzte sich aber durch, und im 18. Jh. wurde der Musik der kleinen Bassinstrumente durchgehend ein zusätzlicher Bass hinzugefügt. Nur in Deutschland wurde die alte Tradition bis in den Spätbarock fortgeführt; mit Johann Sebastian Bachs Suites a Violoncello solo senza basso senza basso und die erst im Jahr 2015 wiederentdeckten Fantaisies pour la Basse de Violle von Georg Philipp Telemann.

Giovanni Bassano, Ricercata 5 (Venedig, 1585)

 

Marin Marais, Prélude d-Moll (Paris, 1686)

 

G B Degli Antonii, Ricercata 8 (Bologna 1687)

 

J S Bach, Prélude D-Dur (um 1725)

 

Telemann, Fantasie 5 (Hamburg, 1735)

 

Berlin / 0176-31757298 / ludwig.frankmar@mail.de